Das 2. Semester hat begonnen und so ist es nun meine erste Aufgabe, als Mitglied einer Jury eine Medienproduktion - genauer gesagt ein Online-Learning-Tool - des 16-Jährigen Thomas Würthinger zu beurteilen. Dabei handelt es sich um ein Tutorial, das dem geneigten Lernenden die Programmiersprache “Gamescript” beibringen soll.
Wie ist nun mein erster Eindruck?
Spontan denke ich: “Wow, für einen 16-Jährigen ein wirklich sehr aufgeräumt anmutendes Tutorial.” Er gibt beispielsweise gleich zu Beginn die Zielgruppe seines Tutorials an, was den Eindruck erweckt, dass er sich darüber im Vorfeld Gedanken gemacht hat. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass er bei der Eingrenzung seiner Zielgruppe etwas zaghaft vorgegangen ist. Er beschreibt Sie als “alle, die noch keine Vorkenntnisse in JavaScript, Java, C, C++ ODER C# haben.” Spontan würde ich mich somit auch dazu zählen. Allerdings merkt man schon beim 1. Schritt des Tutorials, dass man zumindest geringfügige Programmierkenntnisse haben sollte, denn Begriffe wie “Quellcode” oder “Operanten” sollten nicht Neuland sein.
Sehr gut gefällt mir, dass der Lernende nach jeder Einheit die Möglichkeit hat, sein Wissen gleich zu überprüfen, indem er eine Aufgabe erhält und erste Programmierschritte ausführen kann, zu denen er gleich ein Feedback erhält: Grün = “Es funktioniert!”, Orange = “Es ist ein Fehler aufgetreten!”
Ob dieses Programm geeignet ist, einem Lernwilligen die Programmiersprache beizubringen, hängt davon ab, ob dieser anschließend wirklich in der Lage ist, Gamescript anzuwenden. Ich persönlich hatte nicht die ausreichende Geduld, geschweige denn die Kenntnisse, mich vollständig durch das Tutorial zu kämpfen.
Qualitativ hochwertig?
Aber kann ich denn eigentlich die didaktische Qualität dieses Angebots aus mediendidaktischer Sicht feststellen? Und wenn ja, anhand welcher Kriterien? Das oben Beschriebene war ja nur meine rein subjektive Beurteilung. Objektive Kriterien habe ich nicht angelegt.
Hierzu gibt es laut dem Studienbrief von Prof. Kerres zwei Positionen:
1. “Bildungsmedien lassen sich anhand von Kriterien identifizieren. Diese Kriterien sollten auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und Anforderungen der Praxis festgelegt werden. Zudem sollen sie von (mehreren) erfahrenen Experten in einem definierten Testverfahren geprüft werden.”
Diese Position stellt er infrage, denn häufig würden zu sehr die dinglichen Qualitäten eines Mediums beachtet, unbeachtet vom entsprechenden Bildungsanliegen oder -problem.
2. “Die Qualität eines Bildungsmediums lässt sich nicht an Merkmalen des Mediums selbst feststellen, sondern nur in dem kommunikativen Zusammenhang, in dem das Medium Verwendung findet.”
In dieser Position wird deutlich, dass die Situation den Wert eines Mediums bestimmt, nicht das Medium selbst. Durch das Medium soll in dem bestimmten Bildungsanliegen ein Prozess angeregt werden, der hilft, das Bildungsproblem zu lösen.
Was bedeutet das?
Allzu häufig geschieht das, was auch ich oben versucht habe: Ein Bildungsmedium wurde ex post facto, also im Nachhinein, untersucht und bewertet, losgelöst von der bestimmten Bildungssituation, für die es geplant wurde. Es ist unklar, in welchem Kontext Thomas Würthinger sein Onlinetutorial erstellt hat. Vielleicht hatte er bereits im Rahmen eines Informatikunterrichts verschiedene Scriptsprachen gelernt und sollte nun ein Tutorial erstellen, das seinen Mitschülern - ebenfalls auf dem gleichen Bildungsstand wie er - die Sprache Gamescript nahebringt. Vielleicht waren alle Mitschüler nach Durcharbeiten seines Tutorials in der Lage mit Gamescript zu programmieren. In diesem Fall wäre das Konzept didaktisch hochwertig.
Serious Games - klingt erstmal paradox, da Spiele doch in erster Linie Spaß machen sollen. Wir werden allerdings sehen, dass Spiele durchaus einen “ernsten” Charakter haben und trotzdem Spaß machen können.
In der ersten Mission geht es darum, die zu versorgende Bevölkerung abzuschätzen. Hierzu wird mithilfe der Maus ein Helikopter navigiert, der aus der Vogelperspektive fiktive Menschen durch einen Suchscheinwerfer einfangen und dadurch zählen soll. Hierbei werden in meinen Augen die Reaktionsfähigkeit und die Hand-Augen-Koordination geschult. Gleichzeitig erfährt der Spielende, dass das Zählen der Bevölkerung ein erster Schritt ist.
In der zweiten Mission soll der Spielende eine sinnvolle Nahrungsmittelration zusammenstellen, indem er die Menge verschiedener Zutaten (Reis, Zucker, Bohnen, Öl, Salz) sinnvoll kombiniert. Hierbei erfährt man gleichzeitig, welchen ernährungsphysiologischen Nutzen die verschiedenen Komponenten haben und muss zudem die Kosten für die Ration im Auge behalten. Lerninhalte werden hier didaktisch sinnvoll in eine Spielsituation eingebettet.
Mission 3 enspricht dann wieder dem spielerischen Element, bei dem weniger das Wissen im Vordergrund steht. Die Essensrationen müssen über dem Katastrofengebiet abgeworfen werden. Hierzu muss der Spieler mit möglichst kurzer Reaktionszeit die Vorräte laden und sie dann - unter Berücksichtigung der Windgeschwindigkeit - aus dem Flugzeug abwerfen. Auch hier stehen die Reaktionsfähigkeit und die Hand-Augen-Koordination im Vordergrund. Sehr schön ist hierbei das sofortige Feedback, wodurch der Spieler erfährt, ob er alles richtig gemacht hat.
Anschließend (Mission 5) werden die Nahrungsvorräte im Land per LKW verteilt. Hierbei erfährt der Spieler zunächst, unter welchen Voraussetzungen eine solche Verteilung erst möglich wird (Waffenstillstand). Der Konvoi wird dazu durch die Landschaft per Maus navigiert und gerät immer wieder in Situationen, die spontan gemeistert werden müssen: sei es eine zerstörte Brücke, die wie ein Puzzle wieder zusammengebaut werden muss, oder die Begegnung mit Rebellen, bei denen man per Multiple-Choice angemessene Antworten auf die Fragen der Rebellen auswählen muss. Hier wird der Spieler geschult, möglichst neutrale Antworten zu geben.
In der letzten Mission geht es um die Nachhaltigkeit der Hilfe. Es sollen sinnvoll Hilfsgüter verteilt werden, um ein Dorf wieder aufzubauen, damit es sich nach einiger Zeit wieder selbst versorgen kann. Der Spielende lernt hier - mithilfe von Kommentaren während der Mission - in welche Projekte (u.a. Schulen, Weiterbildung, HIV-Prävention etc.) er sinnvoll investiert und welche Konsequenzen es hat. Dazu verteilt er per Drag-and-Drop Hilfsgüter an die verschiedenen Projekte. Motiviert wird der Spieler dadurch, dass das Dorf nach und nach aufgebaut wird und er zudem eine Information über den Zufriedenheitsgrad der Bevölkerung erhält.
(Foto: Rainer Sturm, www.pixelio.de)
(Grafik: Pixelrausch)
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